Dahinter stand ein ungeheurer Anspruch: Habermas wollte das Erbe Kants retten, machte die Aufklärung zum Projekt der Gegenwart, sang das Hohelied der Demokratie und verwehrte sich gegen die Skeptiker, die – abgeklärt statt aufgeklärt – im Menschen nicht das Vernunftwesen, sondern nur den Spielball von Genen, Affekten und Bauchgefühlen sehen. Die Betonung des Diskurses baute Brücken zur angelsächsischen Sprachphilosophie, der Verzicht auf Metaphysik und apriorische Fakten in der Ethik wirkte zeitgemäß, und der Glaube an den machtbefreiten Diskurs war eine Kriegserklärung an den postmodernen Zynismus der Franzosen um Foucault, die in allem nur das Produkt von Machtstrukturen sahen. Im 1750-Seiten-Wälzer „Auch eine Geschichte der Philosophie“ setzte sich der „religiös Umusikalische“, als der er sich sah, 2019 mit der Wundermacht der Religionen auseinander und der Frage, wie sich in einer säkularen und individualisierten Gesellschaft ihre Botschaft der Empathie bewahren lässt.
Author: Karl Gaulhofer
Published at: 2026-03-14 18:27:43
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