„Von Jahr zu Jahr“: Tagesspiegel-Leitartikel zu Silvester 1945

„Von Jahr zu Jahr“: Tagesspiegel-Leitartikel zu Silvester 1945


Als im jakobinischen Frankreich die Septembermorde wüteten, antwortete Danton, der in seinem Umgang manchmal sehr, manchmal gar nicht wählerisch war, auf Vorwürfe des französischen Gesandten in Berlin, Grafen Segur: „Sie vergessen, daß wir die Kanaille sind, daß wir aus der Gosse kommen, daß wir, sollten Ihre Anschauungen jemals wieder zur Geltung gelangen, dahin zurückgetrieben würden; folglich können wir nur durch die Furcht regieren.“ Fast zur gleichen Zeit druckte die „Berliner Monatsschrift“ in einem Aufsatz, dessen Verfasserschaft unbekannt, aber Kant zugeschrieben worden ist, den Satz: „Eine der ergiebigsten Quellen moralischer Vollkommenheiten und moralischer Glückseligkeit fließt für den Deutschen nicht — er hat keine Gelegenheit, Patriot zu sein.“ Heute, nach hundertfünfzig Jahren, in denen, sollte man meinen, Entwicklung über Entwicklung Zeit gehabt hätte, sich zu bilden und auszureifen, heute noch läßt sich über unsere Situation nichts Zuverlässigeres sagen als das eben Zitierte. Sogar die Diktatoren sind jämmerlicher geworden und beschränken ihre Effekthascherei auf das Teuflisch-Primitive, statt sie mit einer Selbstgefälligkeit der Lebensweisheit zu verquicken, wie noch Napoleon, der, nachdem er sein eigenes Ich an die Stelle Europas gesetzt hatte, inmitten der 223 Quadratkilometer des Inselchens Elba bemerkte, was auch für Hitler gilt: „Nicht die Koalition hat mich gestürzt, sondern die liberalen Ideen; ich habe die Völker beleidigt.“ Jeder Flüchtling, jeder Kriegsgefangene, jeder Krüppel, jede Witwe und Waise, jeder Greis und jede Greisin, die am Abend ihres Lebens einsam und verlassen sind, fernen Gräbern nachtrauernd, letzte Reste einer einst zahlreichen Familie, jeder, der Hab und Gut und das Dach über dem Kopf, seine Rente, seinen Arbeitsplatz verloren hat, jeder, der hungert, friert, in Elend, Krankheit, Siechtum und Not erstickt — dieses ganze aschgraue Heer, durch die großen Schatten der Ruinen marschierend, Mitternachtsgespenster eines Volkes, das einmal lebendig war und einzig so wieder lebendig werden kann, gelobe sich heute, zu dieser ernsten Stunde des scheidenden Jahres, nein, Jahrhunderts: in jeder versickernden Minute nur einen Gedanken zu haben — wie dies kam, durch wen und durch was.

Author: Der Tagesspiegel


Published at: 2025-12-31 08:07:52

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