An den folgenden Messetagen vergrub ich mich in meinem Zimmer im Frankfurter Hof, sagte alle Verabredungen ab und ging hart mit mir ins Gericht – viel zu lang hatte ich mit den immergleichen naiven Witzchen um Liebe und Anerkennung gebettelt, hatte Eitelkeit und Geltungssucht hinter Ironie und Übertreibung versteckt, um bloß kein wahrhaftiges Gefühl, keinen einzigen aufrichtigen Gedanken in die Welt, geschweige denn zu Papier bringen zu müssen, und war mit dieser leicht zu durchschauenden Masche den meisten, wie auch mir selbst, mehr und mehr auf die Nerven gegangen. Sie ist eine schwarze „Tote“ aus Leder und für den Alltag eigentlich ein bisschen zu groß und starr in ihrer rechteckigen, nach oben geöffneten Form, aber sie erlaubt es mir, gleitend zwischen Studios, Wohnungen, Hotels, Restaurants und Backstage-Garderoben zu pendeln und dabei jederzeit zu wissen, dass ich noch in derselben Nacht die Stadt verlassen könnte, ohne in Not zu geraten. Ein bekannter, in Berlin gelandeter israelischer Discjockey protestiert seit Jahren nicht nur gegen die israelische Regierung und Politik, sondern unterstützt den totalen Kulturboykott Israels, der von der BDS-Bewegung – mit bewährten Slogans in der Art von „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ – angeführt wird und deren weitere Teilnahmebedingungen er ebenfalls absolut ordentlich einhält: Er nennt das Land „Apartheidstaat“, den Kriegseinsatz in Gaza „Genozid“ und ignoriert das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, das mit dem Angriff auf ein Musikfestival begann.
Author: F.A.Z.
Published at: 2025-12-28 09:40:45
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