Theater in Paris: Ein Manifest gegen die Speichellecker

Theater in Paris: Ein Manifest gegen die Speichellecker


In den zweihunderteins Kapiteln des Werks, das Tolstois „Krieg und Frieden“ gleichsam vom schmetternden Dur der Zeit der Napoleonischen Feldzüge ins zerschmetterte Moll der Ära der Stalinschen Säuberungen versetzt, begegnet der Leser gütigen „Idioten“ und zynischen Karrieristen, durch Machtspiele zermalmten Geistesmenschen und Parteibonzen ohne jede Humanität, Opfern, die zu Tätern werden, und Peinigern, die sich jäh in der Lage von Unterdrückten wiederfinden. Dabei schwankt die Perspektive permanent zwischen Narration und Inkarnation, wechselt hin und her zwischen der dritten Person eines abstrakten allwissenden Erzählers, der dritten Person eines Protagonisten, der aus der Distanz das eigene Tun reflektiert, und der ersten Person eines hier und jetzt Handelnden. Es finden sich darin erschütternde Momente, etwa die Reise einer Deportierten, die sich im Viehwaggon eines fremden Buben annimmt und diesen bis ins finale „Bad“ begleitet, oder der Abschiedsbrief einer jüdischen Mutter kurz vor der Liquidierung des Ghettos von Berdytschiw (Grossmans eigene Mutter, die Widmungsträgerin von „Leben und Schicksal“, wurde daselbst 1941 Opfer einer Massenerschießung durch NS-Polizeikräfte, derweil jene von Jaques-Wajeman zu den Überlebenden von Auschwitz zählte).

Author: Marc Zitzmann


Published at: 2026-01-21 15:20:00

Still want to read the full version? Full article