Weitaus weniger ist aber bekannt, dass Kravchenko unmittelbar danach, während er als Held des Kalten Krieges gefeiert wurde, zutiefst besorgt vor der antikommunistischen Hexenjagd Joseph McCarthys in den USA zu warnen begann: Das Land drohe dem Stalinismus immer ähnlicher zu werden.Zugleich wurde Kravchenko sich auch der sozialen Ungerechtigkeiten der westlichen Welt bewusst und entwickelte eine fast obsessive Leidenschaft, diese grundlegend zu verändern.Er verfasste eine weitaus weniger bekannte Fortsetzung seines gefeierten Buches unter dem Titel Ich wählte die Gerechtigkeit – und machte sich auf die Suche nach neuen, weniger ausbeuterischen Produktionsweisen. Dies führte ihn nach Bolivien, wo er sein Geld in die Organisation armer Bauern in neuen Kollektiven investierte – und verlor.Vom Verschwinden eines Super-Dissidenten: der erste und zweite Ai Weiwei In jüngerer Zeit, während sich die Weltpolitik zuspitzt, muss ich viel an Victor Kravchenko denken, über den ich schon in meinem Buch Die bösen Geister des himmlischen Bereichs geschrieben habe.Der Westen scheint nämlich die Dissidenten des ersten Schritts mehr zu lieben denn je, während er diejenigen unter ihnen, die den zweiten Schritt gehen, brüsk bekämpft (und ihnen schon damit recht gibt). Es ist überhaupt nicht kontrovers.“ Das eigentliche Problem sind Gesellschaften, die solche Handlungen zensieren.In seiner neuen Publikation Über Zensur erörtert Ai Weiwei die Problematik der Zensur und sagt: „Jede Gesellschaft – ob autoritär oder Teil des sogenannten freien Westens – bedient sich verschiedener Formen der Indoktrination, um das Verhalten zu lenken und die Kognition, die Handlungsfähigkeit und die Denkweisen der Menschen zu prägen.“ Sein Hauptargument lautet, dass Zensur weder ein rein chinesisches Phänomen noch auf „als autokratisch und autoritär definierte Länder“ beschränkt sei.Im Westen – der sogenannten freien Welt mit ihren „scheinbar demokratischen Gesellschaften“ – sei die Meinungsfreiheit eine Illusion, die durch „verdecktere, trügerischere und zersetzendere“ Mittel reguliert werde.Mit schwungvoller Rhetorik beschreibt er Zensur als „unverzichtbares Instrument geistiger Versklavung und zugleich als fundamentale Quelle politischer Korruption“.
Author: Slavoj Žižek
Published at: 2026-02-25 16:15:00
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