Mit hundert Gefährtinnen baut sie ein Schiff und segelt davon – nicht nach Westen, wie Odysseus, sondern nach Norden, in die Adria, an deren oberem Ende sie zur Gründerin von Venedig wird: eine Fahrt, auf der die Frauen lernen, selbstständig und solidarisch zu handeln, und die alten Schranken zwischen Herrin und Dienerin niedersinken. Auf diese Weise gelingen ihr wunderbare Passagen: "nachts verschwinde ich zwischen / den mondsicheln glänzender makrelen / den kränzen von wasserkresse in der see / deren gräser mir zufächeln wie zedern / wenn über den dunklen meeresboden ich / gleite ins knochenreich der korallen / über zu rippen gewelltem sand spiegele / mich in den augen der fische rasch / lassen sie ein lid darübergleiten / spreizen ihre flossen und / klappen sie wieder ein / in der tonlosen welt." Dazu muss man erstens wissen, dass "Andra moi ennepe Mousa" ("Nenne mir, Muse, den Mann") den Anfang der homerischen Odyssee bildet; dass er zweitens als der Vielgeschleuderte (oder auch Vielgewandte) bezeichnet wird, griechisch "polytropos"; dass es drittens an einer Stelle bei Homer heißt, Odysseus habe sich so an eine Klippe gekrallt, dass Fetzen seiner Haut daran hängen blieben wie die kleinen Steinchen an den Saugnäpfen der Polypen, wenn man sie gewaltsam vom Felsen ablöst, woraus dann im Wortspiel "polyp-tropos" wird, der Polypengewandte; und dass viertens "oytis" eine Kurzform von "Odysseus" darstellt, die so ähnlich klingt wie das griechische Wort für "niemand", Grundlage für die Täuschung und Verhöhnung des Zyklopen: Niemand hat dich geblendet!
Author: DIE ZEIT: Literatur - Burkhard Müller
Published at: 2026-02-04 14:32:59
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