Neues von Judith Hermann: Der SS-Großvater und die fehlende Frage

Neues von Judith Hermann: Der SS-Großvater und die fehlende Frage


Wenn Judith Hermann, eine große literarische Stimme ihrer Generation, in einem Augenblick, an dem sich die deutsche Gesellschaft darauf vorbereiten muss, dass bald keine Zeitzeugen mehr am Leben sind, die noch aus eigenem Erleben von Holocaust und Nationalsozialismus erzählen können, als Täter wie Opfer, in einem neuen Buch über ihren Großvater schreibt, der in der Waffen-SS war, an einem Ort, wo die jüdische Bevölkerung ermordet wurde: Dann will man das sofort lesen. Sie schreibt Briefe an Archive in Radom und vermutet eine Verschwörung, als sie lange keine Antwort erhält (aber dann doch), sie formuliert Gedanken aus und nimmt sie wieder zurück, sie tastet sich voran, sie zieht sich zurück, sie malt sich Gründe aus, warum die Leute nicht mit ihr reden wollen. „Ich machte“, schreibt Judith Hermann, als sie einmal die Straßen von Radom abläuft, „mich auf die Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war.“ Die Präzision des Ungefähren, der kultivierte leise Selbstwiderspruch: Das ist Judith Hermanns Sound, das ist ihre Prosa, seit so vielen Romanen und Erzählungen.

Author: Tobias Rüther


Published at: 2026-02-22 07:28:15

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