Jürgen Habermas gestorben: Er lebte in der „freien Luft der Goethe-Universität“

Jürgen Habermas gestorben: Er lebte in der „freien Luft der Goethe-Universität“


Der hartnäckigen Lektüre offenbaren sich die Gedanken von Habermas sukzessive, und irgendwann wird auch der große Bogen sichtbar, der etwa die Gesellschaftslehre eines Max Weber mit der angelsächsischen Sprechakttheorie verknüpft, und die vielen Thesen und Theorien, die der Autor zitiert, dann doch berührt, verbindet, eint. Habermas saß über der Vorspeise und unterhielt sich prächtig mit seinem anderen Tischnachbarn, während mir der Appetit vergangen war, weil ich die ganze Zeit krampfhaft überlegte, was ich Habermas fragen könnte, etwas, das in der Arbeitsgruppe offengeblieben war, über das wir uns die Köpfe heißgeredet und auch gestritten hatten, jetzt war sie da, die Gelegenheit, in einer privaten Runde, wenn nicht hier, wo sonst ließe sich ein herrschaftsfreier Diskurs führen, zwischen Shrimpssalat und Hauptspeise? Als ausgerechnet der damalige Institutsdirektor Max Horkheimer, der ihn für einen linksradikalen, prosowjetischen Aktivisten mit dem Hang hielt, aus der Theorie auszubrechen, ihm Steine in den Weg legte und ihm höhere akademische Weihen in Frankfurt verweigerte, war sich Habermas unschlüssig, ob er, statt die wissenschaftliche Laufbahn weiterzuverfolgen, nicht doch lieber Journalist werden sollte: Seinen ersten Artikel, er handelte von Gottfried Benn, hatte er 1952 in der F.A.Z.

Author: Michael Hierholzer


Published at: 2026-03-14 15:34:49

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