Orwell sei der einzige Mensch im Londoner Zeitungsbusiness gewesen, der stets mit dem festen Vorsatz in die Redaktion kam, allwöchentlich so viele Leser wie nur möglich vor den Kopf zu stoßen: So beschreibt Michael Foot, der ein paar Jahre später Herausgeber der „Tribune“ wurde (und Jahrzehnte später Vorsitzender der Labour Party), die durchschlagende Wirkung der Kolumne. Dabei richtet er den Blick mit bemerkenswerter Konsequenz oft auf die Kehrseiten aktueller Großentwicklungen, beispielsweise wenn er schildert, wie sich amerikanische Soldaten, die seit Ende 1943 in Vorbereitung auf den D-Day massenhaft in England stationiert werden, wie eine Besatzungsmacht aufführen, oder wenn er 1946 anprangert, wie die deutsche Bevölkerung in der britischen Besatzungszone Hunger leide, was er selbst zu Zeiten, da in Großbritannien strenge Lebensmittelrationierung herrscht, unmenschlich und politisch unklug findet. Doch Häme oder Gegenwind haben Orwell niemals angefochten und auch nie daran gehindert, sich zu eigenen Irrtümern zu bekennen, denn Engagement geht für ihn stets mit Zeitverbundenheit einher: „Eine gute Methode, um sich zu beweisen, dass man unfehlbar ist, besteht darin,“ wie er bemerkt, „dass man kein Tagebuch schreibt.“ Immer meinungsstark und oft verwegen, zuweilen auch verstiegen oder trotzig, bietet er in den Kolumnen nicht nur einprägsame Aphorismen (wie „Die schnellste Möglichkeit, einen Krieg zu beenden, besteht darin, ihn zu verlieren“), sondern auch bemerkenswert hellsichtige Analysen und sogar Prognosen, die just in unsern aktuellen Kriegszeiten erneut Relevanz gewinnen, so wenn er die amerikanische Tendenz festhält, „Größe um ihrer selbst willen zu bewundern und Erfolg für eine Rechtfertigung per se zu halten“, oder wenn er 76 Jahre vor ChatGPT spekuliert: „Der menschliche Erfindergeist wird sicher bald Maschinen hervorbringen, die selbständig Bücher schreiben.“
Author: Tobias Döring
Published at: 2026-03-10 19:08:59
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