Der Niederländer, der die Welt bereiste, um sie zu beschreiben

Der Niederländer, der die Welt bereiste, um sie zu beschreiben


In die ersten bewussten Kinderjahre des 1933 Geborenen fällt die deutsche Eroberung und Besatzung der Niederlande, die den kleinen Cees in mehrfacher Hinsicht zum Opfer machte: Sein Vater kam bei einem alliierten Bombardement auf V2-Stellungen in Den Haag im März 1945 ums Leben; sein katholischer Stiefvater sorgte für eine streng religiöse Schullaufbahn, doch der widerspenstige Junge lief den Priestern immer wieder davon. Zwar liegen biographische Züge (wie die des Reiseautors in der Novelle „Die folgende Geschichte“) der Handlung zugrunde, doch verwebt Nooteboom seine Erfahrungen und Lektüren nun zu einem dichten Netz, um voll wissender Verzagtheit über die Letzten Dinge – Herkunft, Liebe, Tod – zu erzählen: Eine Hauptfigur in „Rituale“ geht auf die Jagd nach einer seltenen japanischen Teeschale, um sie dann in einem gewalttätigen Zen-Ritual zu zerschmettern und sich in einer Amsterdamer Gracht zu ertränken. Nooteboom nutzte in den Fußstapfen des französischen „Nouveau Roman“, von Jorge Luis Borges und Italo Calvino die Möglichkeiten des verschachtelten Schreibens, um bewusst eine Deutungsfülle zu erzeugen und das Rätsel des Erzählens, das identisch ist mit dem Rätsel der Zeit, elegant zum Thema zu machen.

Author: Dirk Schümer


Published at: 2026-02-11 22:00:19

Still want to read the full version? Full article