Bodo Kirchhoffs neuer Roman: Implosion einer Ehe

Bodo Kirchhoffs neuer Roman: Implosion einer Ehe


Ausgerechnet dem erfahrenen Autor unterläuft ein Produkt, das sowohl auf der Ebene der Erzählökonomie als auch der Gesamtkomposition, der Sprache, der mehrschichtigen Zeichnung der Figuren und erst recht der Darstellung der politischen Kulisse scheitert und immer wieder Klischees bedient. Die zweite Sequenz schiebt Kirchhoff am Schluss nach: Terese lässt sich von einem geflüchteten syrischen Taxichauffeur vom Flughafen zur Beerdigungsstätte von Schellenberg bringen; sie verspricht, ihn großzügig zu bezahlen, bar, ohne Quittung, wenn er auf sie warte und sie nach der Bestattung wegfahre, ohne den eigenen Mann, ein Aufbruch in eine Freiheit ohne Rückkehr in die Ehe. Hier spielt Kirchhoff nochmals alles aus, was er literarisch zu leisten ­imstande wäre: die in winzigen Zeichen erkennbare Entfremdung des Ehepaars, die gespenstisch-kühle Atmosphäre des Finanzhauses, der überbordende inter­nationale Kapitalismus, der sich im Angebot der bekannten Kaufhäuser verrät, und die unüberbrückbaren Standesunterschiede der britischen Gesellschaft, mit der Vigo und seine Frau schon darum nicht mithalten können, weil sie den Dresscode nicht einhalten und im Lokal nicht nur von der Rechnung, sondern bereits durch die aristokratisch konnotierte Teezeremonie überfordert sind.

Author: Pia Reinacher


Published at: 2026-01-17 08:40:00

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