Zunächst befolgt Oskars seine selbst aufgestellten Regeln: Wo er langgehen darf und wie weit, wo er kehrtmachen muss, dass er mit niemandem spricht, einfach weggeht, wenn Gefahr droht, in ein Gespräch verwickelt oder verhöhnt zu werden, dass er beobachtet, aber so, dass es nicht auffällt (seiner Meinung nach), zu essen, der Mutter im Haushalt zu helfen, schlafen zu gehen, über alles nachzudenken, und wenn er das schöne Mädchen im Traum sieht, lange hinzuschauen. Oskars’ naive Sprache, die an die die Nebensächlichkeiten betonenden und sich wiederholenden Schulaufsätze von Kindern erinnert, dabei wunderbar doppeldeutig ist, mit leicht schrägen Sätzen, die wirken, als würde jemand, der in vollem Lauf ist, ohne abzubremsen plötzlich die Richtung wechseln, dieser unaufhörliche stream of consciousness, der Haken schlägt und einen aufweckt und einen wegen seiner unfreiwilligen Komik lachen lässt, führt den Leser mäandernd durch die Stadt, durch die Geschichte, durch Geschichten und Vorgeschichten, nicht nur die von Oskars, sondern auch die der anderen, ihm immer lieber, wichtiger werdenden Menschen, die er im Verlauf eines Jahres kennenlernt, führt durch Oskars’ Gedanken – und man kann nicht aufhören, das zu lesen, weil es ein solches Vergnügen ist, dieser Sprache, ihrer zunehmenden Raffinesse, ihrem grotesken, absurden Witz zu folgen. In und mit Oskars’ Kopf bewegen wir uns durch diese Stadt, durchs Leben, stoisch-verrückt nach dem Wichtigen suchend wie Kalnozols’ Held, der natürlich eine Schelmen-, eine Narrenfigur ist, jemand, der die Dinge wörtlich nimmt, das Kleine groß, das Große klein macht, die Regeln missachtet, der Stimme des Herzens folgt, ein Jurodiwy, wie die Gottesnarren im osteuropäischen Raum heißen, ein Exzentriker, ein Künstler, ein Glaubender, Zweifelnder, Liebender, ein nach Glauben und Liebe Suchender.
Author: Bettina Hartz
Published at: 2026-01-17 15:30:00
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